FAQ
Warum lag der Seespiegel damals tiefer?
Die neu entdeckten Fundstellen im Luzerner Seebecken wie auch die 2003 entdeckte Fundstelle in Stansstad-Kehrsiten NW zeigen deutlich, dass der Seespiegel im Vierwaldstättersee vor Tausenden von Jahren rund 5-7 m tiefer lag als heute. Auf Luftbildaufnahmen kann man die ehemalige Uferlinie erkennen, die vom Tribschen bis zum Verkehrshaus führt. Deutlich erkennbar ist sie auf der Karte des Seetiefenmodells des Luzerner Seebeckens.
Seither stieg der See kontinuierlich an, was wohl auf natürliche Ursachen zurückzuführen ist: Beim Seeausfluss des Vierwaldstättersees muss sich die Reuss durch ein geologisches Engnis zwischen Bramberg und Gütschwald zwängen und wird gleichzeitig durch den Krienbach mit einem Geröll- und Schotterfächer bedrängt. Allmählich oder infolge einzelner heftiger Überschwemmungsereignisse staut sich der Seeausfluss, was den Seespiegel ansteigen lässt. Spätestens ab dem Frühmittelalter im 7./8. Jahrhundert n. Chr. liegt das ehemals trockene Land dauerhaft unter Wasser. Im Mittelalter beschleunigt die menschliche Bautätigkeit in und entlang der Reuss (u.a. Mühlen und Uferverbauung) den weiteren Seespiegelanstieg.
Der kontinuierliche Eintrag von Feinsediment durch Bäche, Ufererosion und Wind führt zur bis zu 2 Meter mächtigen Überdeckung dieser prähistorischen Siedlungen im Luzerner Seebecken. Das bringt Vor- und Nachteile: Bleiben einerseits die Hinterlassenschaften ihrer Bewohner ausgezeichnet erhalten, erschwert dies andererseits das Auffinden potenzieller Fundstellen. Deshalb schlummern wohl weitere, bisher unentdeckte Siedlungen im Seebecken.
Gab es einen See vor dem See?
Im heutigen Seebecken lag in prähistorischer Zeit ein kleiner See, der sogenannte Weysee. Er ist auf dem Seetiefenmodell erkennbar. Die neuentdeckte Fundstelle lag an seinem südwestlichen Ufer. Eine solche Lage ist typisch für urgeschichtliche Siedlungen: Die Bebauung am Wasser bietet Schutz, aber auch die Möglichkeit des Transports von Waren und Menschen über den Wasserweg, z. Bsp. mit Einbäumen, da dieser die schnellste Verbindung darstellt. Befestigte Wege, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht.
Wo verlief die Reuss in urgeschichtlicher Zeit?
Wo genau sich die Reuss vor 5300 Jahren ihren Weg durch das heutige Seebecken bahnte, bleibt momentan noch ungeklärt. In der Karte des Seetiefenmodells hat sie ihre Spuren nicht hinterlassen. Vermutlich hat sie ihren Lauf in den Jahrtausenden immer wieder geändert, mal durch den Weysee oder vielleicht mal weiter südlich unter dem heutigen Bahnhof. Die Untersuchungen im Zusammenhang mit der geplanten Rettungsgrabung werden hoffentlich neue Informationen liefern.
Wieso wissen wir, wie die Umwelt um 5300 Jahren aussah?
Dazu stützen wir uns auf die Informationen, die die Geoarchäologie, Paläoökologie, Archäobotanik, aber auch das Seetiefenmodell und die Sonaruntersuchungen liefern. Jede einzelne dieser Disziplinen steuert ein kleines Puzzleteilchen bei und mit jeder weiteren Untersuchung wächst dieses Bild der Umwelt von damals zu einem Ganzen. Ob es sich jemals vervollständigen lässt, ist wohl nicht realistisch. Das Ziel ist viel eher eine maximal mögliche Annäherung an die Wirklichkeit.
Wieso muss die Fundstelle gegraben werden?
Durch den Bau des Seetunnels für den DBL wird ein grosser Teil der Fundstelle unwiederbringlich zerstört. (Medienmitteilung vom 27.09.2023.) Daher muss sie in Form einer Rettungsgrabung vorgängig ausgegraben, sorgfältig dokumentiert, die Funde, wenn nötig konserviert, archiviert und die Fundstelle wissenschaftlich ausgewertet werden. Nur so bleibt sie der Nachwelt erhalten.
Weshalb ist das wichtig?
Das Luzerner Seebecken war bislang terra incognita für die Archäologie, da kaum erforschtes Terrain. Die Rettungsgrabung ist eine einmalige Chance, der Geschichte der Stadt Luzern ein wichtiges Kapitel hinzuzufügen, denn es handelt sich um die bislang ältesten Siedlungsspuren und die ersten dieser Art auf Stadtgebiet von Luzern. Dabei kann mit einer ausgezeichneten Erhaltung von organischen Funden gerechnet werden, die uns viele Informationen über das Leben der Menschen in der Jungsteinzeit und ihrer Umwelt liefern.
Wie wird die Fundstelle gegraben?
Aufgrund der Lage im See mit vier Meter Wassertiefe und dem weichen Sediment auf dem Seegrund wird der Tunnelbau unter Wasser ausgeführt. Eine Trockenlegung mit Caissonverfahren ist aus statischen Gründen nicht möglich. Deshalb ist die Rettungsgrabung als Tauchgrabung durchzuführen, die eine effiziente Grabungsmethode u.a. mit ausgebildeten Taucharchäologen, besonderen Sicherheitsvorschriften und passender Infrastruktur bedingt. Sie ist somit erheblich aufwendiger als eine Grabung an Land.
Was erwartet die Archäologie?
Die Ergebnisse aus der Voruntersuchung wiesen im südlichen Bereich des Tunnelverlaufs eine Abfallschicht nach, die von einer über 5000jährigen Siedlung aus der Jungsteinzeit stammt. Sie beinhaltet viel organisches Material wie Samen, Essensreste etc., welches für naturwissenschaftliche Untersuchungen verwendet werden kann. Ausserdem sind allerlei Funde von Alltagsgegenständen, Knochen von Wild- und Haustieren sowie Reste von Holz- oder Lehmbauteilen ihrer Wohnhäuser zu erwarten.
Verhindert die Archäologie den Bau des DBL?
Nein. Obschon im Bereich des geplanten Seetunnels zahlreiche archäologische Funde nachgewiesen sind, soll der Bau ausgeführt werden. Es überwiegen hier die öffentlichen Interessen für einen Ausbau des Bahnhofs Luzern. Durch eine Rettungsgrabung sollen die archäologischen Funde für die Nachwelt aber bestmöglich gesichert und dokumentiert werden.
Werden die Grabungsarbeiten das Bauprojekt verzögern?
Die Planungen zum Grossprojekt DBL wurden vor etlichen Jahren gestartet und eine erste archäologische Einschätzung 2011 vorgenommen. Die Kantonsarchäologie Luzern ist seit 2018 im Planungsprozess involviert. Mit den laufenden Voruntersuchungen wird Klarheit bezüglich des archäologischen Potentials im Bereich des Seetunnels geschaffen. Die Grabungen sind im offiziellen Baustart des DBL eingeplant, so dass keine Verzögerungen des Bauprojekts zu erwarten sind.
Muss das Bauprojekt wegen der Archäologie angepasst werden?
Nein. Der Seetunnel tangiert zwar wertvolle archäologische Fundstellen wie Bereiche einer Pfahlbausiedlung und zahlreiche unbekannte Pfahlstrukturen. Die topographischen, geologischen und verkehrsgeographischen Verhältnisse erlauben aber wenig Spielraum bei der Linienführung der zukünftigen Ein- und Ausfahrt des Tiefbahnhofs. Deshalb wurde auf Anpassungen in der Linienführung verzichtet.
Wie hoch fallen die Kosten für die archäologischen Grabungsarbeiten aus?
Zum jetzigen Zeitpunkt kann noch keine genaue Kostenangabe gemacht werden. Momentan werden die letzten Voruntersuchungen geplant, um den genauen Umfang der archäologischen Rettungsgrabungen zu definieren. Da die Grabungen unter Wasser durchgeführt werden müssen, sind die Kosten im Vergleich zu einer üblichen Grabung an Land aber deutlich höher.
Wer bezahlt die archäologischen Grabungsarbeiten?
Die finanziellen Verpflichtungen bilden Gegenstand weiterer Abklärungen zwischen dem Kanton und der SBB als Bauherrin.